Robotergesetze

Psychohistorie

Isaac Asimov hat sich bekanntlich nicht nur mit Robotergesetzen beschäftigt. Eines seiner bekanntesten Werke ist die Foundation-Triologie. Held ist ein Mathematiker namens Hari Seldon, der die Psychohistorik als Wissenschaft entwickelt. Seldon geht davon aus, dass aufgrund der Masse der Menschheit – sie bevölkert eine ganze Galaxie – mit empirisch-statistischen Methoden Gesetzmäßigkeiten in ihrem Verhalten berechnet werden können. Mit ihnen lässt sich die Zukunft vorhersagen, denn diese Muster ändern sich nicht. Seldon errechnet, dass das bestehende Imperium in wenigen Jahrhunderten zusammenbrechen wird. Darauf folgen 30.000 Jahre Chaos und Barbarei, ehe ein zweites Reich Friede und Wohlstand wieder herstellt. Seldon sorgt dafür, dass seine Nachfolger an entscheidenden Wendepunkten eingreifen. Auf diese Weise will er die barbarische Zeit verkürzen – mit Erfolg.

Zwischendurch gab es jedoch einen Punkt, an dem Seldons Plan zu scheitern drohte – ein Mutant, der sich „Maulwurf“ nennt – entwickelt Fähigkeiten, die Seldon nicht voraussah. Jedoch sah Seldon die Möglichkeit einer solchen Abweichung voraus und entwickelte seinen Plan B – eine zweite Vereinigung von Psychohistorikern, die abseits vom galaktischen Zentrum ihre geistigen Fähigkeiten stärkt und sich dem Maulwurf, einem fanatischen Verführer der Menschheit, entgegenstellt.

Der amerikanische Autor und Statistiker Michael Flynn hat 1988 zu Isaac Asimovs Foundation-Triologie eine Einführung in die Psychohistorik geschrieben, in er der Frage nachgeht, ob sich mittels statistischer Methoden – dem Aufspüren mit Mustern in der Geschichte der Menschheit – tatsächlich die Zukunft voraussagen lasse. Er zeigt verschiedene Wege dafür, solche Muster auszumachen. Ich habe Michael Flynn zu diesem Thema ein paar Fragen gestellt.

Heute arbeiten Wissenschaftler an Computermodellen, mit denen sie das Verhalten von Massen in der Vergangenheit oder Gegenwart analysieren und somit auch die Zukunft berechnen wollen. Hat Ihr Text heute also mehr Gültigkeit denn je?

Ich bin heute weniger davon überzeugt, dass spezifische Voraussagen möglich sind. Die Evolutionstheorie zum Beispiel kann nicht voraussagen, welche Nachfahren sich aus einer Spezies heraus entwickeln. Allerdings ist eine mathematische Ökologie möglich: Wir können Gleichungen aufstellen, die zum Beispiel das Räuber-Beute-Verhältnis, Bevölkerungswachstum und ähnliches errechnen. Etwas in dieser Art könnte auch für historische Prozesse möglich sein – etwa wie sich Ideen in einer Kultur verbreiten. Es gibt dazu ein interessantes Buch, „Looking at History through Mathematics“ von Nicolas Rashevsky.

Was man aber nicht voraussagen kann, sind zum Beispiel Regime-Wechsel. Dabei verändert sich ein System derart, dass möglicherweise zuvor aufgestellte mathematische Muster nicht mehr länger funktionieren. Das ist wie ein Gummiband mit einem Gewicht. Wenn das Gewicht schwerer wird, dehnt sich das Band. Es gibt eine positive Korrelation zwischen Länge und Gewicht. Aber ab einem bestimmten Punkt wird das Gummiband nicht mehr länger, sondern reißt. Das System Gummi/Gewicht hat einen Moment erreicht, in dem die Gleichung nicht mehr gültig ist. Der Maulwurf in der Foundation-Triologie war in gewissem Sinne so ein Moment – unvorhersehbar, weil es dafür keine Variable in der Gleichung gibt.

Glauben Sie, dass das Internet und vor allem die Sozialen Medien doch helfen könnten, eine neue statistische Methode zu entwickeln, um zumindest soziales Verhalten vorauszusehen?

Nein, wenn überhaupt sind sie diese Medien Bestandteil des sozialen Verhaltens, dass vorausgesagt werden soll. Sie erleichtern sicherlich das Sammeln von bestimmten Informationen. Aber wenn ich mir das Internet so anschaue, sammelt man dabei auch viele Scheininformationen. Einiges mag schneller gehen, aber das Internet trägt nichts dazu bei, dass Daten akkurat, relevant und vollständig sind.

Der Zukunftsvisionär Ray Kurzweil glaubt zumindest, dass sich eine technologische Singularität voraussehen lässt – ein Zeitpunkt in unserer Zukunft, wenn die künstliche Intelligenz unsere biologisch-menschliche Intelligenz ablösen wird.

Singularitäten sind mathematische Abstraktionen. In der Geschichte setzen sich Dinge normalerweise nicht exponentiell fort. Die Singularität ist schlicht und ergreifend ein christlicher Glaube, der in einen säkularen-wissenschaftlichen Glauben umgeschrieben wurde. Es gibt überhaupt keine Garantie, das der technologische Fortschritt unbegrenzt weitergeht – es gab ja schon längere dunkle Zeitperioden in der Vergangenheit – und vielleicht sind künstliche Intelligenzen sogar prinzipiell unmöglich. Hinzu kommt, dass technologische Verfügbarkeit nicht bedeutet, dass sie auch genutzt wird. Eine Kultur umfasst viel mehr als nur ihr Werkzeugkasten.

Voraussagen auf Basis von bisherigen Entwicklungen können also nicht funktionieren?

Die Zukunft wird immer unvorhersehbar sein, wenn die Voraussage so speziell sein soll, dass sie Individuen nutzt. Deshalb ist auch das Klima leichter vorherzusagen als das Wetter. Je präziser die Voraussage ist, desto wahrscheinlicher ist, dass sie falsch ist. Und je weniger präzise sie ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie nutzlos ist.

Hinzu kommt der menschliche Unsicherheitsfaktor. Anders als unbelebte Körper reagieren Menschen auf einen Stimulus nicht immer gleich. Manchmal überzeugt ein Säbelrasseln ein anderes Land, sich zurückzuziehen. Manchmal führt das gleiche Verhalten zum Krieg. Das ist irreduzibel. Keine Wissenschaft ist eine Wissenschaft des Individuums. Physik studiert nicht ein einzelnes Atom, Chemie kein einzelnes Molekül – sondern wie sich diese Dinge in der Masse verhalten. Geschichte verhält sich aber nicht allgemein. Selbst wenn Säbelrasseln in 80 Prozent aller bisherigen Fälle einen Krieg verhindert, kann man den nächsten Fall damit nicht voraussehen.

Dennoch glauben einige Wissenschaftler, dass umfassende sozio-ökonomische Simulationen hilfreich sind, um die Auswirkungen von politischen Entscheidungen abschätzen zu können – man könne dann rechtzeitig eingreifen und negative Entwicklungen verhindern.

Regierungen versuchen schon immer, die Entwicklung der Gesellschaft zu manipulieren. In dem man A subventioniert und B besteuert, hofft man A zu stärken und B zu schwächen. Allerdings besagt das Gesetz der unbeabsichtigten Folgen, dass während man A tatsächlich stärkt und B schwächt, man auch C, D und E beeinflusst – und diese Einflüsse sind unerwartet, ungeplant und mitunter unerfreulich. Eine Kultur ist wie ein Mobile. Zieh an einer Stelle und alle anderen Elemente wackeln mit. Und dann haben C, D und E wieder Einfluss auf A und B. Als die USA den Alkohol verbot, wollte sie verhindern, dass die Menschen sich betrinken. Das führte zu einem Anstieg der organisierten Kriminalität, zu mehr Korruption bei Polizei und Gerichten, und im illegalen Ausschank wurde fleißig weiter getrunken.

Ist es eigentlich nicht auch ein Widerspruch in Hari Seldons Theorie, dass die Entwicklung der Gesellschaft vorhersehbar und gleichzeitig beeinflussbar ist?

Eine wirklich psychohistorische Theorie müsste jegliche Einfluss-Bemühungen beinhalten. Dann sind die Bemühungen Teil des Effekts. Und Teil der Ursache auch. Mit anderen Worten: Ein historischer Prozess entwickelt sich nicht trotz der Intentionen und Wünsche der Menschen, sondern aufgrund dieser.

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