Robotergesetze

Roboter-Gehirn

Visionäre oder Spinner? Forscher wollen das Bewusstsein digitalisieren, um es nach dem Tod eines Menschen weiterleben zulassen – in Robotern oder nachgezüchteten Körpern. Der russische Unternehmer Dmitri Itzkow, Gründer des Medienkonzerns New Media Stars, beschäftigt etwa 30 Wissenschaftler, die unser Gehirn in einen Roboterkörper verpflanzen sollen – und zwar möglichst bis ins Jahr 2045. Eine visionäre Idee oder Wahnsinn? Ich habe Itzkow ein paar Fragen zu seinem ehrgeizigen Projekt gestellt.

Das Gehirn soll bis 2045 auf einem Roboterkörper weiterleben. Wie soll das gelingen?

Das Projekt „Avatar“ ist ein vierstufiges Forschungsprojekt. Die Forschung in jeder Stufe sollte zu folgenden spezifischen Technologien führen: „Avatar A“ zu einem anthropomorphen Roboter, der über eine Gehirn-Computer-Schnittstelle gesteuert wird, „Avatar B“ zu einem System, das die vitalen Funktionen des Gehirns erhalten kann, „Avatar C“ zu einem Träger für eine künstliche Persönlichkeit bzw. eines künstlichen Bewusstseins und schließlich „Avatar D“ zu einem Körper, der einem Hologramm ähnelt.

Was für Wissenschaftler arbeiten daran?

In seiner Interdisziplinarität ist unser Projekt einzigartig. Wir arbeiten eng mit Wissenschaftlern aus verschiedenen Fachgebieten, außerdem mit Ingenieuren und Wissenschaftskünstlern. Viele von ihnen arbeiten nicht nur in interdisziplinären Projekten, sie sind selbst Experten für unterschiedliche Disziplinen. Wir glauben, dass die Aufgaben, die wir uns vorgenommen haben, nicht von Spezialisten gelöst werden können – also von Menschen, die keine Vision und kein Verständnis für des Problem als großes Ganzes haben.

Die Kernkompetenzen der aktivsten unserer Forscher sind: Biologie (Physiologie, Neurophysiologie, Psychophysiologie, Transplantationschirurgie), Mathematik und Physik (Optoelektronik, Systeme zur Mustererkennung, neuronale Netzwerk-Algorithmen, Neuroinformatik, Robotik, Modellierung lebender Systeme), Psychologie und Linguistik (Psychosemantik, Persönlichkeitstheorie, Psycholinguistik, Psychologie des Bewußtseins) und Philosophie (Erkenntnistheorie, Universalgeschichte, Massensoziologie, Synergetik, Philosophie des Geistes, Philosophie der künstlichen Intelligenz.)

Wenn es eines Tages möglich ist, das menschliche Bewusstsein in einen künstlichen Körper zu übertragen – werden das die Menschen überhaupt annehmen?

Nach unseren Prognosen wird das erste erfolgreiche Experiment mit der vollständigen Übertragung des Bewusstseins auf eine künstliche Plattform um das Jahr 2035 durchgeführt werden. Aber die ersten Avatare bzw. humanoide Roboter, die in Masse produziert werden und erschwinglich sind, wird die Gesellschaft bereits im Jahr 2020 aktiv nutzen. Die Avatare revolutionieren unsere Gesellschaft und werden zum beliebtesten technischen Gerät neben dem Auto.

Im Laufe der Zeit wird die Avatar-Technologie weiter entwickelt und dank Telepräsenz fühlen sich die Leute in den künstlichen Körpern wie komplette Personen. Sie werden allmählich in ihre Roboter-Pendants sozusagen hineinwachsen. Jeder wird mehrere Avatare mit verschiedenen Funktionen haben. Berufe mit hohem Gesundheitsrisiko wie Feuerwehrleute, Polizisten oder Bergungskräfte werden verschwinden. Diese dienstlichen Avatare kann man von einem sicheren Ort aus steuern.

Es wird eine Revolution in der Tourismusbranche geben: Menschen können mit ihren Avataren die entferntesten Winkel unseres Planeten erkunden oder sogar auf andere Planeten fliegen. Geschäftsleute müssen nicht mehr selbst zu einem Treffen auf einem anderen Kontinent fliegen – sie schicken ihre Avatare. Soldaten werden in Friedensmissionen nicht mehr selbst in Kämpfe verwickelt. Auch diese Aufgabe übernehmen ferngesteuerte Avatare.

Die Leute werden zunächst massenhaft ihr Bewusstsein auf Avatare übertragen. Da wir die künstlichen Körper schrittweise verbessern werden, werden sich die ersten Leute finden, die ihren biologischen Körper ganz aufgeben, bevor der Alterungsprozess einsetzt. Das ist genaugenommen unser nächster evolutionärer Schritt. 2045 wird der künstliche Körper dem biologischen überlegen sein. Die Leute werden einsehen, dass es für sein ein Vorteil ist, mit einem künstlichen Körper zu leben – ehe ihr biologischer Körper verschleißt. Die Menschen werden erkennen, dass das Leben mit den neuen Eigenschaften ihrer künstlichen Körper viel interessanter wird.

Würde die Transplantation des menschlichen Gehirns dessen Tod hinauszögern?

Nach Ansicht der Wissenschaftler kann das menschliche Gehirn mit einem lebenserhaltenden System länger leben als der Körper. Nach medizinischen Statistiken sterben die Menschen meist nicht durch den Tod ihrer Gehirnzellen, sondern an Organversagen und ähnlichen Erkrankungen. Die Essenz des „Avatar B“-Projekt liegt ja gerade in der Entwicklung eines autonom lebensfähigen Gehirns. Es ist das Ziel dieses Projekts, das Leben zu verlängern. Es ist offensichtlich, dass man diese Technologien entwickeln wird, noch ehe es ein künstliches Gehirn oder ein digitales Bewusstsein gibt.

Aber noch ehe das komplette Gehirn auf einen Avatar transplantiert wird, können die Wissenschaftler mit lebenserhaltenden Technologien die Lebensdauer des Gehirns im biologischen Körper verlängern. Und dank hoch entwickelter Schnittstellen, die Informationen aus dem menschlichen Gehirn auf einen Roboterkörper übertragen, werden die Menschen eine Zeit lang in ihren Avatare leben. Mit anderen Worten: Das menschliche „Ich“ wird vollständig im Körper des Roboters präsent sein, und wir werden unseren künstlichen Körper so erleben, als wäre er unser eigener.

Wenn wir in der Lage sind, alle Funktionen des Körpers zu reproduzieren, um die Funktionsweise des Gehirns zu erhalten, werden wir auch in der Lage sein, das Gehirn von unserem natürlichen Lebenserhaltungssystem zu befreien.

Was bedeutet das für unsere Gesellschaft?

Tatsächlich wird die Technologie der kybernetischen Unsterblichkeit die Welt auf den Kopf stellen. Alle Bereiche des menschlichen Lebens ändern sich – die Wirtschaft, Politik, sozialen Beziehungen, das Bewusstsein der Menschen. Daher ist es wichtig, auch die geistigen und moralischen Dimensionen, die das Fundament für eine solche Technologie schaffen, einzubeziehen. Deshalb sind wir nicht nur an der rein technischen Umsetzung interessiert, wir entwickeln eine neue Strategie für die Menschheit. Es wird eine neue geistige und moralische Plattform geschaffen, ein neuer Rechtsrahmen und eine neue Wirtschaft.

Wie reagieren die Menschen auf Ihre Ideen?

Zuerst erleben viele eine Art Zukunftsschock. Wenn wir die Essenz des Projekts detailliert erklären, auch warum wir es für technisch realisierbar und notwendig ansehen, dann werden viele Gegner zu Unterstützern. Vielleicht erschließen sich ihnen nicht alle Möglichkeiten des Projektes, vielleicht will auch nicht jeder ewig leben. Aber die meisten Leute erkennen, dass das Projekt viele Perspektiven und Anwendungsmöglichkeiten bietet, dass es weltweit relevant sein wird und dass es eine Chance für die Menschheit ist, sich zum Besseren zu verändern – eine Gelegenheit, Krankheit und Tod zu überwinden, die menschliche Natur zu verstehen sowie ein echter Durchbruch in der menschlichen Entwicklung.

Glauben Sie eigentlich, dass die Zeitspanne realistisch ist?

Viele prominente Wissenschaftler glauben, dass das Jahr 2045 durchaus ein realistischer Zeitpunkt für die Umsetzung unserer Pläne ist. Gleichzeitig verstehen wir, dass noch einige Durchbrüche in verschiedenen Bereichen der Wissenschaft erforderlich sind. Wir brauchen neue Energiequellen, neue synthetische Materialien sowie IT-Systeme, die auf grundlegend neue Prinzipien basieren.

Für uns wie übrigens für die gesamte wissenschaftliche Welt ist die dringlichste Aufgabe die Modellierung des menschlichen Gehirns und der Psyche. Es ist eine unglaublich schwierige Aufgabe, die Funktionsweise unseres Gehirns und des Geistes zu erklären. Die größte Herausforderung ist zweifellos die Erforschung des menschlichen Bewusstseins und seine „Übertragung“ auf einen alternativen Träger.

Sie würden gerne mit der Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) kooperieren, einer Behörde des US-Verteidigungsministeriums, die Forschungsprojekte für die Streitkräfte durchführt. Haben Sie keine Angst, dass die Ergebnisse dann nur für militärische Zwecke verwendet werden?

Unser Ziel ist humanitär. Wir wollen die Technologien für alle zugänglich machen. Ich habe in der Tat erwähnt, dass ich nichts gegen eine Zusammenarbeit mit DARPA habe. DARPA ist einer der führenden Entwickler im Bereich von Roboter-Technologien, die für das „Avatar“-Projekt interessant sind. Wenn diese Forschung friedlichen Zwecken dienen kann, warum sollen wir nicht mit DARPA zusammen arbeiten? Schließlich wurden Computer, Kernkraft und viele andere friedliche und nützliche Technologien zuerst im militärischen Bereich entwickelt.

Darüber hinaus glaube ich, dass sich unsere Gesellschaft erst allmählich entmilitarisieren wird. Die Menschheit wird nicht über Nacht friedliebend sein. Dafür muss sich das kollektive Bewußtsein radikal verändern. Nicht alle Länder werden so schnell auf Krieg und Gewalt verzichten. Wenn wir die militärische und zivile Technologien-Entwicklung als Gegensätze betrachten, dürfen wir nicht vergessen, dass die militärische Technologie für die Verteidigung noch lange Zeit benötigt wird. Wir können sie nicht völlig aufgeben.

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