Robotergesetze

1994

Im Dezember 1979 fällt eine junge Frau ins Koma, und sie wacht 1997 wieder auf. Das ist die grobe Handlung in Douglas Couplands Roman „Girlfriend in a Coma“, benannt nach einem Song der Smiths. Die Frau wacht also auf und findet eine völlig veränderte Welt vor – die Mauer ist gefallen, es gibt AIDS, Homecomputer und Mobiltelefone. Wäre sie erneut so lange ins Koma gefallen, würde sie ungefähr in der Gegenwart erwachen. Die Idee inspirierte mich zu meinem heutigen Blogposting.

Wie der Zufall so will, sind es nun nur noch 18 Jahre bis zum Jahr 2030. Es ist das Jahr, für das Futurist Ray Kurzweil in seinem Werk „The Singularity is Near“ (2005) eine ganze Reihe von Vorhersagen geliefert hat. Die englische Wikipedia hat es folgendermaßen zusammengefasst:

Mind uploading becomes successful and perfected by the end of this decade as humans become software-based: living out on the Web, projecting bodies whenever they want or need (whether in virtual or real reality), and living indefinitely so long as they maintain their „mind file“. Eventually, all human beings (including those with transbiological 2.0 or 3.0 bodies) will migrate to this postbiological state except for those who wish to remain unenhanced: the transbiological era giving way to the postbiological era.

Nanomachines could be directly inserted into the brain and could interact with brain cells to totally control incoming and outgoing signals. As a result, truly full-immersion virtual reality could be generated without the need for any external equipment. Afferent nerve pathways could be blocked, totally canceling out the „real“ world and leaving the user with only the desired virtual experience.

Brain nanobots could also elicit emotional responses from users.

Using brain nanobots, recorded or real-time brain transmissions of a person’s daily life known as „experience beamers“ will be available for other people to remotely experience. This is very similar to how the characters in Being John Malkovich were able to enter the mind of Malkovich and see the world through his eyes.

Recreational uses aside, nanomachines in peoples‘ brains will allow them to greatly expand their cognitive, memory and sensory capabilities, to directly interface with computers, and to „telepathically“ communicate with other, similarly augmented humans via wireless networks.

The same nanotechnology should also allow people to alter the neural connections within their brains, changing the underlying basis for the person’s intelligence, memories and personality.

The many variations of „Human Body 3.0“ are gradually implemented during this and the following decade; It mostly likely lacks a fixed, corporeal form and can alter its shape and external appearance at will via foglet-like nanotechnology.

Seinen Skeptikern entgegnet Kurzweil gerne, man möge doch einfach mal in die Vergangenheit schauen, um zu sehen, wie rasant sich die Welt verändern kann. Ich nehme ihn beim Wort und blicke besagte 18 Jahre in die Vergangenheit – und zwar ins Jahr 1994. Was hat sich in dieser Zeit verändert? Ich habe zunächst versucht, ein wenig den technologischen Alltag von 1994 zu recherchieren, stieß dabei aber schnell an meine Grenzen. Denn was damals theoretisch verfügbar war und in offiziellen Chroniken auftauchte, war noch längst nicht Teil unseres Lebens geworden. Daher habe ich versucht, meine eigenen Erinnerungen mit dem technologischen Fortschritt sozusagen zu synchronisieren.

Ich war 21 Jahre alt. Ich hatte kein Mobiltelefon. Meine Jugend war also SMS frei. Mobiltelefone waren noch nicht besonders cool. Sie sahen noch aus wie Funkgeräte. Ich glaube, auch in meinem Bekanntenkreis besaß niemand eines. Es war übrigens just 1994, als Mobiltelefone erstmals SMS verschicken konnten. Auf der damaligen CeBIT wurde erstmals ein SMS-Service vorgestellt. Ansonsten waren die Dinger zum Telefonieren da – zu sonst nichts. Nutzer hatten die Wahl zwischen zwei digitalen Netzen: DeTeMobil (D1) und Mannesmann-Mobilfunk (D2).

Musik hörte ich mit dem CD-Player oder Walkman. Ich besaß einen 5-fach CD-Wechsler. Damals brannte man sich keine Musiksammlungen. Wenn man Musik mischen wollte, war der Wechsler neben der Kassette die beste Lösung. CD-ROMs begannen sich gerade erst zu etablieren. DVDs gab es nicht. USB-Sticks natürlich auch nicht – es gab noch keine USB-Schnittstellen. Filme schaute ich auf einem VHS-Videorekorder.

Ein paar Meldungen aus der damaligen Musikszene: Green Day veröffentlicht das Album „Dookie“ | Kurt Cobain nimmt sich das Leben | Blur veröffentlicht das Album „Park Life“ | Bad Religion veröffentlicht „Stranger Than Fiction“ | Oasis veröffentlicht „Definitely Maybe“ | Zu den Top-Hits des Jahres gehören Bruce Springsteens „Streets of Philadelphia“, „All for Love“ von Bryan Adams, Sting und Rod Steward sowie „Cotton Eye Joe“ von Rednex.

Ich besaß damals einen PC ohne Internetanschluss. Damit gehörte ich zu den 99,6 Prozent der Weltbevölkerung, die ohne Zugang waren. Ich hatte in der Schule die Programmiersprache Pascal gelernt und autodidaktisch BASIC. BASIC war eine lustige Programmiersprache. Ich erinnere mich noch, dass es früher Zeitschriften gab, die ganze Spiele publizierten und zwar in BASIC – man musste den kompletten Code abtippen und hoffen, dass man sich nicht vertippt hatte. Das war aber glaube ich vor 1994. Ich nutzte den PC für Spiele: Ich erinnere ich mich von den 1994 erschienen Spielen vor allem an Doom II, Mortal Combat II, Master of Orion, King’s Quest 7 und Wing Commander 3.

Kino im Jahr 1994: Pulp Fiction, Forrest Gump, True Lies, Speed

1994 gab es die erste Playstation, außerdem Sega Saturn und den Super Game Boy – das hatte ich aber alles nicht. Wahrscheinlich hatte ich einen 486er Rechner mit Windows 3 oder so ähnlich – aber das kann ich nur noch mutmaßen. Es gab bereits Pentium-Rechner, aber sicher hatte ich noch keinen. Laserdrucker gab es schon, kosteten aber ein Vermögen. Viele Computernutzer hatten noch Nadeldrucker. Die ersten Farbkopierer setzten sich allmählich durch, Anrufbeantworter wurden langsam digital. Viele Leute zeichneten, wenn überhaupt, aber noch auf Kassetten auf.

Das faszinierende ist aus heutiger Sicht, dass das Internet gerade erst aufkam. Wikipedia? Gab es natürlich nicht. Spiegel Online ging am 25. Oktober 1994 erstmals online. Damit war laut Wikipedia „Der Spiegel“ das weltweit erste Nachrichtenmagazin im Netz, zunächst erreichbar unter der schweißtreibenden URL: „http://hamburg.bda.de:800/bda/nat/spiegel/“.

Die Zeitschrift Focus war selbst in gedruckter Form erst ein Jahr alt – genauso wie die US-Zeitschrift Wired. Amazon.com und ebay gingen erst 1995 in den USA online. Den Internet Explorer gab es noch nicht. Microsoft hatte bekanntlich den Anfang des Internets verschlafen. Vorherrschender Browser war der Netscape Navigator. AltaVista, eine der ersten Volltextsuchmaschinen für das Internet, ging erst 1996 an den Start. Die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin waren sich anscheinend noch gar nicht einmal begegnet.

1994 war sozusagen die Endphase der internetfreien Welt. Ich hatte damals noch kein einziges E-Mail verschickt. Ich schlug Sachen im mehrbändigen Lexikon nach, was in der Welt passierte erfuhr ich aus Fernsehnachrichten und Zeitung.

Journalisten hatten dicke Telefonbücher, um anständig recherchieren zu können. Pressemitteilungen kamen noch sehr häufig per Fax. Was haben überhaupt Wissenschaftsjournalisten damals berichtet?

Im Dezember entdeckte Jean-Marie Chauvet nahe Vallon-Pont-d’Arc einige der ältesten Höhlenmalereien – ingesamt über 400 Wandbilder mit Tier- und Symboldarstellungen. Im Juli schlugen Teile des Kometen Shoemaker-Levy 9 auf dem Jupiter ein. Im Juli entdeckten Forscher die Sagittarius-Zwerggalaxie, eine Satellitengalaxie der Milchstraße. Die NASA verlor ihre Magellan-Sonde, die die Venus erforschte.

ImSeptember wurde erstmals die Wollemie gesichtet, ein Araukariengewächs, das man vorher nur aus Fossilieen kannte.  Mediziner entwickelte 1994 die sogenannten Fukuda-Kriterien für das Chronisches Erschöpfungssyndrom – die Grundlage für die Diagnose der Erkrankung. Die Stadt Darmstadt verewigt sich im Periodensystem der Elemente – die Gesellschaft für Schwerionenforschung (GSI) erzeugte das Darmstadtium. Als wäre das nicht genug, erzeugte die GSI kurz vor Jahresende auch noch erstmals das Röntgenium. Als technische Meisterleistung darf man den Eurotunnel bezeichnen, der im Mai 1994 bendet wurde und England mit Frankreich verbindet.

Ich schließe diesen Blogpost mit einer Frage in die Runde ab: Welche Technologien nutzt Ihr heute, die es damals noch nicht gab?

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