Warum wir Deutsche in 193 Jahren aussterben

Eine alte journalistische Weisheit lautet: Nicht mit Zahlen übertreiben! Gemeint sind Statistiken. Sie überfordern die Vorstellungskraft des Lesers. Nicht übertreiben? Das ist leichter gesagt als getan. Wenn wir Journalisten an Zahlen geraten, die Staat und Wissenschaft für uns ermittelt haben, heißt es im Zweifelsfall: Rein in den Text!

Deutschlands Einwohner im Jahr 2200

Deutschlands Einwohner im Jahr 2200

Besonders attraktiv sind dramatische Zahlen. Unübertroffen sind deshalb die sogenannten Todeszahlen. Contra vim mortis non est medicamen in hortis! Todeszahlen stellen wir gerne an den Anfang eines Textes und leiten sie folgendermaßen ein: “Jährlich sterben WELTWEIT” oder besser “Jährlich sterben ALLEIN IN DEUTSCHLAND”. Unglücklicherweise beeindrucken Zahlen nach solchen Floskeln nur, wenn sie mindestens fünfstellig sind. Kleinere Zahlen zerlegen wir besser, um dem Text mehr Verve zu geben. Es heißt dann: “TÄGLICH sterben in Deutschland”. Das klingt auch bei zweistelligen Zahlen empörend. Der Leser reißt die Augen allerdings erst richtig auf, wenn er die Toten vor sich praktisch reihenweise umfallen sieht: “ALLE DREI SEKUNDEN stirbt in Deutschland”.

Ich habe mein Gehirn abgestellt und in den Veröffentlichungen der letzten drei Jahre nach Todeszahlen gesucht. Ich hätte es nicht tun sollen, denn am Ende war ich verstört. In Deutschland sterben nämlich jährlich:

281.000 Menschen an Krebs
13.900 an einem Unfall
60.000 an Sepsis
25.000 an Medikamenten
1.000 im OP
40.000 an Krankenhauskeimen
15.000 an Feinstaub
73.000 an Alkohol
8.000 an Grippe
250.000 an einem Schlaganfall
280.000 an einem Herzinfarkt
10.000 an Suizid
20.000 an Demenz
1.000 wegen einer fehlenden Organspende.
Und 800 werden ermordet

Das macht Summa Brimborium 1,0787 Millionen Menschen. ALLEIN IN DEUTSCHLAND, wohlgemerkt!

2011 kamen nur 663.000 Babys mit deutscher Staatsbürgerschaft zur Welt. Das macht ein jährliches Minus von 415.700. Bei 80,2 Millionen Einwohner sind wir in knapp 193 Jahren ausgestorben.

Juut, juut, sagt Ihr jetzt, aber laut Zahlenbundesamt stirbt der Deutsche im Durchschnitt 850.000 Mal pro Jahr. Wie kommt es zu einer solchen Diskrepanz?

Nach tiefgründiger Recherche – der Auswertung von öffentlich-rechtlichen Fernsehfilmen – verstand ich es. Der typische Deutsche tritt wie folgt ab:

Otto Typischdeutsch erkrankt an Krebs. Er ist verzweifelt und betrinkt sich. Anschließend wirft er sich vor einen Zug.

Statistisch gesehen ist Otto viermal gestorben: Krebs, Alkohol, Suizid und Verkehrsunfall. Und da wir nichts genaues wissen, kreuzen wir sicherhalber noch Mord, Feinstaub und Demenz an.

So viel zum Sprichwort:

Zwei Tode kann niemand sterben!

alt

13 Kommentare

  1. Eine solche Rechnung hatte ich spaßenshalber schon 2007 aufgemacht und kam zu einem ähnlichen Ergebnis. Da fehlen noch die Zahlen der Toten, die einfach “am Rauchen” sterben, an Nierenversagen oder an Diabetes. Es ist beliebig erweiterbar. Witzig daran ist jedoch, dass in Deutschland offensichtlich niemand mehr eines natürlichen Todes stirbt. Vorschwörung! ;-)

    Übrigens wäre es nicht schlecht, wenn ich mich von diesem Blog auch per Email benachrichtigen lassen könnte (ich mag rss-feed nicht…). Dann würde mir auch kein Artikel mehr durch die Lappen gehen….

  2. Ich finde es beängstigend, dass anscheinend niemand aus mehreren Gründe geboren wird. Das würde die Statistik wieder begradigen.

    Das würde dann so aussehen:

    Erna wurde geboren wegen
    - eines Unfalls (geplatztes Gummi),
    - durch Alkohol (in der Disco),
    - im Krankenhaus.

    Also ist sie gleich dreimal geboren worden.

  3. Können wir zum Vergleich noch ergänzen, wie viele Menschen durch Terrorismus starben?
    Und wie viele aus Angst vor Terrorismus?

  4. Das gleiche funktioniert übrigens auch mit den Zahlen zu angeblichen Wirtschaftsschäden durch CD-Raubkopiererei etc.
    Wenn man das alles zusammenrechnet, kommt man wahrscheinlich auch auf eine Zahl, die das BIP übertrifft.

  5. Vielen Dank fürs Zusammentragen! Mir gefiel auch diese Darstellung zum Terrorismusrisiko:
    “Inzwischen haben sich Wissenschaftler zu Wort gemeldet, die das Terrorismusrisiko berechnet haben. Das statistische Risiko, in einem Land der westlichen Welt an einer Terroristenbombe zu sterben, ist geringer als das Risiko, beim oder besser nach dem Verschlucken eines Kugelschreiberteilchens zu ersticken. Jedes Jahr ersticken nachweislich 300 Menschen an einem Kugelschreiberteilchen. Dies sind viermal so viele, wie vom Blitz erschlagen werden.”
    (http://www.zeit.de/2010/50/Martenstein)

  6. Und ich Naivling dachte, zumindest in ländlichen Gegenden seien Handy-Strahlen die Todesursache Nr.1 . Oder zumindest die Angst vor Handy-Masten.;-)

  7. Ich glaube, wir sterben noch WESENTLICH früher aus. Immerhin stirbt JEDER Deutsche. Immer.

  8. ok ok , die diskrepanz ist natürlich ärgerlich. aber davon auszugehen, dass bei sinkender bevölkerungszahl die absoluten todes- und geburtenzahlen konstant blieben ist natürlich auch quatsch. wenn man von gleichmäßiger abnahme von gut 0,52% pro jahr ausgeht (415.700/80.200.000=0,0052) kommt man in 193 jahren auf ca. 29 millionen einwohner: 80200000*(1-0,0052)^193 = 29.321.031. klingt immer noch dramatisch, aber halt nicht so reißerisch wie “aussterben”. ;-)

  9. Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen schmeißen! Du schreibst vor den beeindruckenden Sterbezahlen “In Deutschland sterben nämlich jährlich:” Das vergleichst du aber mit “2011 kamen nur 663.000 Babys mit deutscher Staatsbürgerschaft zur Welt.”

    Also entweder die in Deutschland Geborenen mit den dort Gestorbenen vergleichen oder nur die jeweiligen deutschen Staatsbürger und möglichst auch im gleichen Zeitraum.

    • “Babys mit deutscher Staatsbürgerschaft” – ich meinte die in Deutschland geborenen Babys.

  10. Wenn wir jetzt von den Deutschen ausgehen schrumpft die Bevölkerung, weil es so viele Ausländer in Deutschland gibt.

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