Robotergesetze

Androiden-Träume

Was wird sein, wenn wir erst einmal verstanden haben, wie unser Gehirn funktioniert? In dem Science-Fiction-Roman “Tears of Rains” beschreibt die spanische Autorin Rosa Montero eine Welt, in der nichts mehr als gegeben gilt – das Gedächtnis ist formbar, die Unterscheidung zwischen künstlicher und menschlicher Intelligenz ist keine philosophische Frage, sondern eine soziale.

Androiden und Menschen teilen sich die Erde, obwohl die Koexistenz sehr gebrechlich ist. Der Roman verheimlicht nicht seine Nähe zu dem Film „Blade Runner“. Die Androiden werden zum Beispiel Reps genannt. Selbst in der fiktiven Romanwelt leitete sich der Name aus dem Film ab, auch der Titel des Romans spielt auf den Film an.

Die Geschichte spielt in einer noch weit entfernten Zukunft, zunächst aber zur fiktiven Vorgeschichte: 2079, nachdem die Erde von zahlreichen blutigen Kriegen gebeutelt ist, beschließt die internationale Staatengemeinschaft die klassische Kriegsführung abzuschaffen. Um Konflikte zwischen Staaten zu lösen, dürfen nur noch Roboter eingesetzt werden. Kriege sollten so ungefährlich sein wie Computerspiele, die Staaten messen sich lediglich darin, wer mehr Geld für Technik übrig hat. Die Soldaten sitzen am Keyboard, die Bevölkerung ist Zuschauer. Die Roboter müssen laut Vertrag mit einem Chip ausgestattet sein, der verhindert, dass sie Menschen gefährden.

Soweit die Theorie. Die Politik hat übersehen, dass die scheinbare Ungefährlichkeit des Krieges erst recht zu neuen Auseinandersetzungen führt, da die Regierungen moralisch weniger Bedenken haben müssen – es passiert ja niemandem etwas.

Kurzum: Nur Stunden nach Unterzeichnung des Vertrages steht die komplette Erde unter Feuer. Überall brechen neue Kämpfe aus. Journalisten erklären später, dass der Friedensvertrag womöglich unter dem Druck der Roboterindustrie zustande gekommen war, die natürich von den Entwicklungen profitiert. Es dauert einige Tage und die ersten illegalen Roboter, die sehr wohl Menschen töten können, tauchen auf den Schlachfeldern auf. Die folgenden sechs Monate erfordern mehr menschliche Opfer als alle Kriege auf dem Planeten zuvor. Im Kongo, einem für die Roboterhersteller ressourcenreiches Land, bekämpfen sich Maschinen über ein Jahr lang, ehe menschliche Truppen geschickt werden – auch das mit verheerendem Ausgang. Erst 2090 können sich die Nationen auf einen Friedensvertrag einigen.

Die Roboter werden Menschen nun immer ähnlicher, was schon bald zu neuen Spannungen führt. Die Menschen bauen Androiden, damit sie gefährliche Arbeiten übernehmen – sie werden etwa zur Rohstoffgewinnung auf entfernte Planeten geschickt oder als Kampfandroiden eingesetzt. Die Androiden haben bald die Nase voll. Sie revoltieren. Der Konflikt zwischen Menschen und Androiden endeten in einem weiteren Friedensvertrag. Darin beschließen beide Seiten, dass die Androiden zwei Jahre lang den Beruf ausüben, für den sie entwickelt werden. Anschließend sind sie frei und dem Menschen gleich gestellt.

Dieser Frieden ist in der Roman-Gegenwart noch jung. Radikale Parteien gefährden ihn, da die einen die Zerstörung der Androiden, die anderen deren völlige Unabhängigkeit vom Menschen fordern. Doch noch haben moderate Kräfte das politische Sagen. Die Androidin Bruna ist die Heldin des Romans. Sie war ein Kampfrep, verdient nun ihr Geld aber als Privatdetektivin. Sie wird in einen Fall verwickelt, der den Frieden zwischen Menschen und Reps erneut bedrohen wird. Einige Reps werden verrückt, töten Menschen und reißen sich selbst die Augen aus. Sie haben einen manipulierten Gedächtnis-Chip eingesetzt bekommen, aber das weiß die Öffentlichkeit nicht. Bruna muss herausfinden, wer dahinter steckt und welche Ziele der Täter verfolgent. Die Morde sorgen dafür, dass die Menschen sich einer radikalen, androidenfeindlichen Partei zuwenden, die im Laufe der Handlung an Macht gewinnt.

Die Memos – die Gedächtnis-Speicher – spielen eine große Rolle in dieser Welt. Das Gedächtnis ist einer der wesentlichen Unterscheide zwischen Mensch und Maschine. Wenn die Androiden geschaffen werden, sind sie in ihrem Entwicklungsstand mit Menschen im Alter von 20 bis 30 Jahren vergleichbar. Jeder Android kann sich nach Ende seiner zweijährigen Dienstzeit aber eine Art Persönlichkeit erwerben. Sie wird als Memo implantiert und gaukelt dem Androiden eine Kindheit vor, die er nie hatte. Sie enthält 500 Erinnerungsszenen, die sich professionelle, menschliche Memo-Autoren ausgedacht haben. Dazu erhalten die Androiden Souvenirs aus der gefaketen Kindheit, bestimmte Gegenstände und gefälschte Fotos. Die Androiden wissen, dass ihre Kindheit künstlich ist – doch sie hängen daran. Sie fühlen sich menschlicher.

Bruna wurde eine ungewöhnlich düstere Erinnerung eingepflanzt, in der ihr fiktiver Vater ermordet wurde. Wie sich später herausstellt, war dies das Werk eines scheidenden Memo-Schreibers namens Nopal, der als sein letztes Werk einem Androiden seine eigen Kindheit einpflanzen wollte. Bruna muss nun mit dem Trauma leben. Hier ein Dialog zwischen Bruna und Nopal:

“I was nine years old! And I spent five years suffering like hell until I turned fourteen and experienced my dance of the phantoms. Until I found out that my father didn’t really exist, which meant that he hadn’t been killed, either.” “It’s not like that, Bruna. As you know, those five years you refer to didn’t exist. It’s nothing more than a false memory. All the scenes were inserted at the same time into your brain.” A knot of angry, burning tears squeezed the detective’s throat. She had to make an effort to speak, and her voice came out hoarse. “And the grief? All that pain I have inside? All that suffering in my memory?” Nopal looked at her gravely. “That’s life, Bruna. That’s how it is. Life hurts.”

Dummerweise ist die Biotechnologie nicht ausgereift und alle Androiden bekommen mit Mitte 30 einen Tumor, an dem sie sterben. Sie tun sich deshalb schwer mit der Realität, mit ihrem kurzen Leben, der falschen Kindheit, der Diskriminierungen im Alltag. Sie lassen sich regelmäßig von einer Psychomaschine untersuchen, jedoch vor allem, um eine ordentliche Anzahl an Pillen verschrieben zu bekommen – Beruhigungspillen, Schlafmittel, Stimmungsaufheller. Den Tumor zu bekämpfen, gehört nicht zu den Prioritäten der menschlichen Forschungen. Die Menschen haben ihre eigenen Sehnsüchte.

Sie hätten gerne ein ähnlich leistungsfähiges Gedächtnis wie die Androiden. Yannis, ein Mensch und Freund von Bruna, hat vor vielen Jahren seinen Sohn verloren und grämt sich, weil er ihn im Laufe der Zeit ein zweites Mal verlor – sein Erinnerungen wurden blasser und wenn sich Yannis nun ein Foto seines Kindes anschaut, wird das Kind immer seltener in seinen Vorstellungen lebendig. Er weiß, dass er die Erinnerung nicht festhalten kann.

First, his child’s face began to fade in his memory; by resorting to that memory so much, he had worn it out. Now, he could only visualize Edú as he was in the photos and films he had kept of him; all the other images had been erased from his mind as if they had been wiped clean from a blackboard. The worst thing was that at some stage during the course of those forty-nine years, the internal thread that linked him with the father he had been had broken.

Die Menschen ertragen es zudem schwer, dass sie trotz der vielen biotechnologischen Fortschritte immer noch altern müssen. Sie können ihre Falten richten, doch die plastische Chirurgie ist keine Magie:

True, old people died wrinkle-free, converted into their own distorted death masks thanks to plastic surgery, but the passage of time was still eating away at them from inside (…): minds laminated by the years, drooling mouths, broken bodies transported hither and yon in wheelchairs, like dead meat.

Die Neurowissenschaft indes ist soweit, dass Menschen das Gedächtnis zwar nicht auffrischen, wohl aber unliebsame Erinnerungen loswerden können. Menschen gehen so oft zu Memofree, der Firma, die sich auf das Löschen spezialisiert hat, wie zum Friseur. Sie löschen peinliche Auftritte auf Partys, ihre verflossenen Liebhaber, jegliche Unannehmlichkeiten des Lebens.

Monteros Roman schildert die Probleme, mit denen wir rechnen müssen, wen wir eine Intelligenz schaffen, die uns ähnlich ist, und wir gleichzeitig das Geistige, von dem wir Menschen immer so viel halten, zu etwas Künstlichem machen, weil wir es wie eine Software modifizieren können. Umgekehrt wird das Künstliche etwas Geistiges – die Androiden besitzen eine organische künstliche Intelligenz, keine aus Silikon. Bewusstsein, Geist, Kreativität – alles, von dem wir Menschen lange Zeit glaubten und noch immer glauben, dass es etwas zutiefst Menschliches ist, kann eine künstliche Intelligenz ebenfalls besitzen. Sobald wir das einsehen, dürfte uns das in eine kollektive Sinnkrise stürzen. Das ungute Gefühl, dass die Menschen im Roman gegenüber Androiden empfinden, ist nachvollziehbar. Man muss nur bedenken, wie schwer sich die Gesellschaft generell damit tun, das Anderssein zu akzeptieren.

Menschen, die ernsthaft über solche Szenarien und Probleme heute schon nachdenken, werden ein wenig als Kuriosum belächelt. Ich fürchte aber, dass die Technologien – Künstliche Intelligenz und Gehirnmodifikationen – eines Tages einen plötzlichen Umbruch einleiten könnten, auf den wir nicht vorbereitet sind. Während viele Science-Fiction-Autoren Gegenwartskonflikte durch Technik entfremden, um einen neuen Blick darauf zu ermöglichen, ist Monteros Roman eines der selteneren Beispiele, die eine tatsächlich mögliche Zukunftsproblematik thematisieren.

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