Brain-Computer-Interfaces

Wer einmal wie Yoda die Macht in sich heraufbeschwören möchte, um ein Raumschiff zu hieven, sollte sich ein EEG-Gerät zulegen. Ich habe ein solches Gerät ausprobiert: Konzentrieren reicht tatsächlich aus, um etwas in einer virtuellen Welt zu bewegen!

Die Gehirnsteuerung funktioniert über das sogenannte Elektrozenphalografie, bekannter unter der Abkürzung EEG. Wenn Nervenzellen miteinander kommunizieren, entsteht dabei eine elektrische Ladungsverschiebung – diese Gehirnaktivitäten lassen sich entweder per Implantat direkt im Gehirn messen, oder per Sensor auf der Kopfhaut.

Die EEG-Messung misst ein Rauschmuster: Wellen zwischen 12 und 30 Hertz etwa signalisieren Konzentration, zwischen 8 und 12 Hertz eher Entspannung. Je näher die Sensorik am Gehirn, desto besser die Signale, weshalb die Steuerung per Headset ungenauer ist als etwa über ein Gehirnimplantat. Für Computerspiele wird sich wohl niemand auf einen Operationstisch legen.

Zum Test erhielt ich von der Firma NeuroSky das EEG-Gerät MindWave. Das Brainwave StarterKit kostet derzeit 117 Euro und enthält die Mobilversion des Headsets mit BlueTooth-Schnittstelle sowie drei Apps. Das Headset verfügt über zwei Sensoren. Einen soll ich an die Stirn anlegen, den zweiten am linken Ohrlappen festklammern.

Das ist beim ersten Mal gar nicht so einfach: Das Headset sitzt etwas eng, drückt auf die Kopfhaut oder rutscht mir auf die Stirn. Nach einigem Hin und Her schaffe ich es, dass es zumindest fest sitzt, wenn auch nicht unbedingt bequem. Aber wer Yoda sein will, muss leiden.

Mit der App „Home of Attention“ kann ich nun mein Gehirn trainieren. Dafür wähle ich eine Übung aus, zum Beispiel Konzentration, Entspannung oder Aufmerksamkeit, und anschließend habe ich die Wahl zwischen einem Video oder einem Musikstück. Die PC-Version der Software liefert beides mit, beim iPad-App fehlen die Beispieldateien, aber ich kann eigene Musikstücke wählen, was mir ehrlich gesagt Recht ist. Ich entscheide mich für ruhige Musik und die Option „Entspannung“. Das Musikstück läuft nur dann, wenn das EEG meint, dass ich mich entspanne – wenn ich mich aufrege, stoppt die Wiedergabe sofort. Die aktiven Gehirnwellen werden links in Echtzeit-Balkendiagrammen angezeigt.

Die Diagramme sind für meditationsunerfahrene Menschen wie mich nicht förderlich. Ich atme tief durch, die Musik läuft, dann stoppt sie, dann starre ich auf die Diagramme und reg‘ mich fürchterlich auf, weil sich die Balken nicht beruhigen wollen. Gut, mit etwas Übung und geschlossenen Augen läuft die Musik flüssiger, eine lückenlose Wiedergabe ist mir jedoch bis heute nicht gelungen.

Interessanter finde ich ohnehin die Spiele. Sie funktionieren fast alle nach dem Prinzip Neuronauts und UpCake – beide Titel zählen zu den bekannteste Apps, die mit dem Mindwave-System gesteuert werden können. Bei Neuronauts soll ich eine Rakete steuern. Konzentration ist Geschwindigkeit. Das Spiel erinnert an alte Shoot ’em up-Spiele – die Rakete ist am unteren Bildschirmrand angebracht und bewegt sich auch ohne mein Zutun schon einmal langsam durch den Weltraum, wahrscheinlich damit ich nicht gleich frustriert bin.

Die Grafik ist unter aller Kanone, oder wie man auch gerne sagt, „retro“. Aber tatsächlich: Je stärker ich mich konzentriere, desto mehr bewegt sich die Rakete in die Bildschirmmitte. Soll heißen, sie gibt Gas. Ziel ist jetzt, die Strecke immer schneller zurück zu legen. Per Multiplayer-Modus kann man sich ein Wettrennen von Gehirn zu Gehirn liefern. Der Bildschirm ist dann zweigeteilt. Angeblich. Ich hatte keinen Mitspieler und einen Zufallsgegner über das Internet fand ich nicht – es war niemand mit seinem Gehirn online.

UpCake ist graphisch einen Hauch besser, das Spielprinzip ist ähnlich. Ich muss eine Torte, die von der Bildschirmmitte langsam nach unten fällt, durch Konzentration zum Schweben bringen, und zwar solange bis sie oben aus dem Bildschirm rausfliegt. Ein höherer Schwierigkeitsgrad bedeutet, dass ich mich stärker konzentrieren muss, ehe sich etwas tut.

Um es kurz zu sagen: Es fühlt sich großartig an, mit dem Gehirn etwas bewegen zu können. Mit etwas Übung funktioniert die EEG-Steuerung mit dem MindWave überraschend gut, solange man keine allzu komplexe Steuerungsbefehle erwartet. Da das NeuroSky-Gerät knapp 120 Euro kostet, steht man daher vor der Frage, ob sich die Anschaffung lohnt.

Ich denke, dass die Anschaffung vor allem für App-Entwickler interessant ist, die damit neue Wege beschreiten wollen. Angesichts des derzeitigen Angebots an Spielen bzw. Apps ist es für mich selbst noch nicht reizvoll genug – das Aha-Erlebnis beim Ausprobieren darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Spiele bisher eher öde sind. Ich bin allerdings zuversichtlich, dass sich das in den nächsten Monaten ändert.

NeuroSky ist zudem nicht der einzige Anbieter auf dem Markt. Ein bekannter Mitbewerber ist Emotiv Epoc, dessen Technologie gleich über 14 Sensoren verfügt, die auf dem Kopf verteilt werden. Das EEG-Headset kostet entsprechend 299 US-Dollar. Die Sensoren können Bewegungen in alle Himmelsrichtungen erfassen, die Software würde auch Befehle wie „Heranzoomen“ und „Objekt entfernen“ verstehen. Allerdings sind die bisherigen Spiele ebenfalls noch dürftig. In „Spirit Mountain“ etwa bringt man Steine zum Schweben oder verjagt mystische Wesen durch Zähneknirschen.

Erfreulich hingegen: Das aufwändige Fantasy-Spiel Son of Nor, das erfolgreich über Kickstarter vorfinanziert wurde, soll eine Epoc-Unterstützung haben. Die Spieler können sich Magie antrainieren – zum Beispiel per Gedankensteuerung ein Feuer entfachen oder einen Stein zerplatzen lassen.

Der Entwickler Chris Zaharia hat einen Protoyp entwickelt, bei dem Epoc mit Oculus Rift und Razer Hydra kombiniert wird. Oculus Rift ist eine Headset, das virtuelle Welten in hoher Auflösung direkt auf die Bildschirme vor unseren Augen projiziert, Razer Hydra ist ein Game Controller, der auf Bewegung reagiert. Man kann sich per Gedankenkraft durch eine virtuelle Welt bewegen, die man über Ocoulus Rift vor seinen Augen sieht. Dabei werden zwei Hände in die virtuelle Welt eingeblendet, die man mit Razer Hydra steuern kann.

Die großen Firmen der Branchen arbeiten mit Sicherheit ebenfalls an EEG-Games. Ich habe bei einigen Firmen wie Microsoft, Sony und Nintendo nachgefragt und die Antwort war immer dieselbe: Ja, man verfolge diese Entwicklungen mit Interesse, könne aber dazu noch nichts vermelden. Es würde mich sehr wundern, wenn sich das bis Ende 2014 nicht ändern sollte.