Maschinen-Lyrik

Kann ein Computer Poesie verfassen? Der Dichter sagt naturgemäß „Gott, Nein!“, der Programmierer sagt selbstsicher „Aber ja doch!“. Der Literaturwissenschaftler fragt scheinheilig „Kommt drauf an, was Poesie ist“.

Die Eingangsfrage stellten sich die beiden Australier Oscar Schwartz und Benjmain Laird. Statt Antworten zu liefern, lassen sie ihre Leser darüber entscheiden, was human-poetisch ist. Inspiration fanden die beiden Australier im altbekannten Turing-Test, benannt nach dem britischen Mathematiker Alan Turing. In diesen Tests setzt sich jemand vor einen Rechner und kommuniziert mit einem anonymen Chatpartner. Der Teilnehmer soll herausfinden, ob sein unsichtbares Gegenüber eine Software oder ein Mensch ist.

Schwartz und Laird griffen diese Idee auf und entwickelten das Projekt bot or not. Auf der dazugehörigen Webseite präsentieren sie eine Reihe von Gedichten, die teilweise von Menschen, teilweise von einer Software produziert wurden. Im Online-Test kann jeder selbst prüfen, ob er genug Poesie im Blut hat, um menschliche und maschinelle Dichtung zu unterscheiden. Ich verrate nicht, wie ich abgeschnitten habe.

Mich interessierte, welche Gedichte die bisherigen Tester am ehesten für menschlich hielten. „Ich habe in meiner Statistik nachgeschaut“, sagt Oscar Schwartz. „Derzeit ist William Blake der menschlichste Poet, was mich nicht wirklich überrascht. Es gibt aber auch Software-Gedichte, die recht häufig einem Menschen zugeschrieben werden, zum Beispiel ein Gedicht von Ray Kurzweils Software Cybernetic Poet. 65 Prozent der Nutzer haben sich davon reinlegen lassen“.

Little Fly,
Thy summer’s play
My thoughtless hand
Has brushed away.

Am not I
A fly like thee?
Or art not thou
A man like me?

For I dance
And drink, and sing,
Till some blind hand
Shall brush my wing.

If thought is life
And strength and breath
And the want
Of thought is death;

Then am I
A happy fly,
If I live,
Or if I die.

William Blake, The Fly

Computer-Poesie ist keine Magie. Die Software, die dahinter steckt, funktioniert nach einfachen Prinzipien. „Es gibt zwei Arten von Algorithmen, die Poesie generieren“, sagt Schwartz. „Bei der einen Methode greift die Software auf existierende Texte zurück, etwa auf die Sonnette von Shakespeare. Die Software wählt daraus Wörter und setzt sie nach bestimmten Regeln neu zusammen.“ Bei der zweiten Methode erhalte der Computer einen bestimmten Wortschatz und Grammatik-Vorgaben.

Mein erster Gedanke war: Ist das nicht geschummelt? Doch bei aller Kreativität und allem Genie – Menschen machen es ähnlich. Sie haben einen Wortschatz und setzen daraus Gedichte zusammen. Dichter lassen sich von anderen Dichtern inspirieren.

„Ich habe das Projekt nicht mitentwickelt, weil ich etwas über die Grenzen von Programmierung erfahren wollte, sondern etwas über Kreativität und Schreibprozesse – ich bin selbst Autor und kein Informatiker“, sagt Schwartz. „Unser Turing-Test für Poesie soll nicht beweisen, dass menschliche Poesie überflüssig oder einfach nur Mist ist. Der Test soll uns helfen, einige Fragen zu beantworten: Was ist Kreativität? Entsteht sie aus einer Reihe von festen Regeln? Entsteht Schönheit im Auge des Betrachters? Welche Rolle spielt die Intention in der Kunst?“

Ich warte jetzt darauf, dass es so einen Test für Gemälde und Musikstücke gibt – oder für Blogbeiträge.