Roboterjournalismus

Ein kleiner Bericht über ein Fußballspiel, eine schnelle Meldung über den Finanzmarkt – für Journalisten ist das Routinearbeit. Dafür brauchen sie aktuelle Zahlen und verbauen sie in ein paar einfachen Sätzen.

Doch jeder Autor weiß: Solche Meldungen kosten Zeit, egal wie viel Erfahrung man hat. Die Stuttgarter Kommunikationsagentur aexea hat nun die erste deutschsprachige Software auf den Markt gebracht, die Journalisten Routinejobs abnimmt und aus Daten sekundenschnell journalistische Texte generiert.

Die Aufregung bei solchen Innovationen ist in der Regel groß: Ersetzen Roboter bald Journalisten? Ist es soweit gekommen, dass Verlage sich nicht einmal mehr Autoren leisten möchten?

Es ist an der Zeit, durchzuatmen.

In den USA verkaufen sich textende Software-Lösungen wie Quill von Narrative Science hervorragend. Forbes.com hat zum Beispiel eine Seite eingerichtet, auf der Quill rund um die Uhr Nachrichten aus Echtzeit-Finanzdaten erstellt. Die Wortbausteine nimmt das Programm unter anderem aus älteren, von Journalisten verfassten Artikeln. Ein Autor der Los Angeles Times hat Mitte März mit einer selbst programmierten Software eine Nachricht über ein Erdbeben veröffentlicht. Zielgruppe für solche Texte sind Leser, die vom Erdbeben betroffen sind und im Internet nach aktuellen Informationen über Stärke und mögliche Folgebeben suchen.

Künftig soll der Roboter immer dann Texte ausspucken, wenn ein Erdbeben eine bestimmte Stärke erreicht. Die Algorithmen der L.A. Times sind anscheinend nicht sonderlich kompliziert. Sie lesen aus E-Mails, die das US Geological Survey bei einem Beben verschickt, die relevanten Zahlen heraus und schieben sie in ein vorgefertigtes Artikel-Template. Anschließend lädt die Software den Text in das Content Management System und verschickt eine Mail an die Redaktion. Diese muss den Bericht nur noch freischalten. Der ganze Prozess dauert eher Sekunden als Minuten. Die Zeitung nutzte bereits zuvor für ihr Online Projekt Homicide Report ein ähnliches Prinzip. Auf dieser Seite schreibt eine Software Berichte über Morde innerhalb der Stadt.

Der schwedische Forscher Christer Clerwall von der Universität Karlstad fand heraus, dass Leser bei kurzen Nachrichten nicht unterscheiden können, ob sie von einem Menschen oder Computer geschrieben wurden. Die Studie erschien im Februar in der Zeitschrift Journalism Practice. Die Befragten fanden Robotertexte gut geschrieben, vertrauenswürdig und informativ, wenn auch ein bisschen langweilig.

Die deutsche Variante soll vorerst Sportberichte erstellen. „Journalisten möchte wir nicht ersetzen. Wir wollen Redaktionen ein Tool bieten, das die Berichterstattung erweitert“, sagt Frank Feulner, Leiter Automatisierte Texte bei aexea. „Ein großer Vorteil ist, dass die Software über jedes einzelne Spiel der Fußball-Kreisklasse berichten kann – etwas, was sich keine Redaktion zeitlich leisten würde. Die Leser freuen sich, wenn sie mehr über ihren Verein lesen als die bloße Verkündung der Ergebnisse.“

Die Implementierung der Software dauert etwa vier Wochen. Die Kunden erheben die Daten für die Sportberichte selbst oder kaufen sie ein. Die Software generiert daraus den Text. „Das Wording, also Vokabular und Stil, stimmen wir mit den Kunden ab, so dass sich die Texte nicht in allen Medien gleichen“, sagt Feulner. Das Interesse ist jetzt schon groß. Als ich gestern mit Feulner telefonierte, erklärte er, dass sein Telefon im Viertelstundentakt klingle.

Aexea hat Erfahrung mit Roboter-Texten. Die Firma hat eine Software im Angebot, die aus technischen Daten eine zielgruppengerechte Produktbeschreibung erstellt. „Aus den Daten eines Fernseher liest die Software zum Beispiel heraus, welche Zielgruppe sich dafür interessieren könnte. Der Text wird dann für diese Gruppe optimiert“, sagt Feulner. Kunden seien vor allem Online-Händler. Sie müssten die Texte nicht einmal vor Veröffentlichung überarbeiten.

Konkurrenz für journalistische Texte hat aexea in Deutschland bisher meines Wissens nicht. In den USA gibt es neben Narrative Science die Firma Automated Insights. Sie hat sich auf Nischen-Geschichten spezialisiert, etwa Berichte über Online-Spiele auf Yahoo oder über Webseiten-Statistiken. Die Software produzierte im vergangenen Jahr 300 Millionen Texte. Künftig sieht die Firma im Lifelogging und im Sporttracking einen zusätzlichen Markt. Wer Sport treibt, erhält dann einen individuellen Bericht über seine Leistungen.

Konkurrent Narrative Science will unterdessen eine Software entwickeln, die bei redaktionellen Entscheidungen behilflich ist: Welches Thema ist einen ausführlichen Artikel wert? Wer würde ihn lesen? Wie muss er aufgebaut sein? Das erleichtert sicher die Zusammenarbeit zwischen freien Journalisten und Redaktionen. Die Freien bieten ein Thema an, der Roboter sagt innerhalb von Sekunden zu oder ab. Wieder ein bisschen Zeit gespart!

Ein Beispiel für einen Spielbericht (Quelle: aexea):

Warriors deklassieren Nowitzkis Mavericks
Mit 85:108 haben die Dallas Mavericks um Allstar Dirk Nowitzki gegen die Golden State Warriors verloren. Die Mavericks steigen damit auf Platz 8 in der Western Conference ab. Die Warriors steigen auf Rang 6 auf. Sie knüpfen damit an die guten Platzierungen vom Saisonbeginn an. Nach den Siegen gegen Phoenix und Atlanta ist dies für die Warriors der dritte Sieg in Folge.

Crawford überrascht bei den Warriors
Topscorer für die Siegermannschaft ist mit 19 Punkten Jordan Crawford. Das erst 2010 in die NBA gedraftete 89 Kilo-Leichtgewicht stellt in diesem Spiel sogar den Topscorer in der Saisonstatistik, Stephen Curry, in den Schatten. Ob dieses Leistungshoch anhalten wird, ist angesichts von Crawfords bisherigem Saisonschnitt von 11,3 Punkten pro Spiel jedoch fraglich.

Ellis bleibt hinter den Erwartungen zurück
Die meisten Punkte für Dallas kommen heute von Monta Ellis, der 15 Zähler für sein Team erzielen konnte. Damit bleibt Topscorer Ellis, der 2005 von der Lanier Highschool zu den Mavericks gedraftet wurde, hinter seinem Saisondurchschnitt von 18,8 Punkten pro Spiel zurück.

Nowitzki rückt in der Scorerliste auf
Mit diesem Spiel konnte Dirk Nowitzki sich den 8. Rang in der ewigen Scorer-Liste der NBA sichern, den er mit 26.395 Punkten hält. Er teilt sich den Platz mit John Havlicek.

Mavericks gegen Utah Jazz: Duell der Angeschlagenen
Im nächsten Spiel treffen Nowitzki und seine angeschlagenen Mavericks mit Utah Jazz auf eine Mannschaft, die auf eine durchwachsene Saison zurückblickt. Mit den Los Angeles Clippers, die gerade ihren 8. Sieg in Folge eingefahren haben, treffen die Warriors dagegen auf einen furchteinflößenden Gegner.