Online-Journalismus

Ich habe für die Zeitschrift „Der Journalist“ kürzlich einen Beitrag über die Bedeutung von Webseiten-Analysen geschrieben.

In dem Text kam ich nach Gesprächen mit Vertretern verschiedener Online-Medien zu dem Schluss, dass es sich für Verlage lohnt, in gut recherchierte, ausführliche Online-Texte zu investieren.

Leider stimmt das nicht.

Zumindest stimmt es nicht, wenn man langfristig denkt und wenn man guten Online-Journalismus mit Longform-Journalismus gleichsetzt.

In meinem Beitrag berichtete ich, dass Online-Medien mit langen Beiträgen durchaus Erfolg haben. Das lässt den Schluss zu, dass sich Longform-Journalismus lohnt. Wir müssten jetzt also ein paar Ideen finden, die Texte aufzupeppen – um noch mehr Leser sozusagen am Schlafittchen zu packen.

Das ist Wunschdenken von uns Journalisten.

Was bleibt uns auch anderes übrig? Spannende Reportagen, tiefgründige Essays, informative Features – das sind die Stücke, die für uns journalistische Qualität ausmachen.

Aber wir sind schließlich der Wahrheit verpflichtet, und die Realität sieht so aus: Der klassische Longform-Journalismus wird in Zukunft ein Nischen-Journalismus sein.

Das liegt vor allem an unserem Leseverhalten. Ich kenne das von mir. Wenn ich im Internet längere Texte entdecke, die ich spannend finde, treffe ich unbewusst innerhalb von einer Sekunde eine Entscheidung: Entweder ich lese den Text nicht oder ich schicke ihn an meinen E-Book-Reader, um ihn offline zu lesen. So bin ich nicht abgelenkt.

Was mich und die meisten Menschen daran hindert, im Internet längere Texte zu lesen, ist die Umgebung, in der sie erscheinen.

Sobald unser Gehirn eine neue, unbekannte Information wahrnimmt, widmet es ihr seine gesamte Aufmerksamkeit. Die neue Information könnte für uns immerhin eine Gefahr bedeuten oder von Nutzen sein. Im Internet suggeriert jedoch jeder Link, jede E-Mail, jeder Tweet, jede Feed-Schlagzeile: „Sieh her, ich bin wichtig!“ Unser Gehirn ist plötzlich alarmiert, da poppt schon die nächste Meldung auf: „Hey, ich bin auch wichtig!“

Gewiss, manche Leute können bei längeren Texte mental abschalten. Andere lassen sich zwar ablenken, kehren aber wieder zu den angefangenen Texten zurück. Doch die meisten Menschen handeln instinktiv, wie Jäger und Sammler. Sie jagen und sammeln Informationen. Davon gibt es so unfassbar viele im Netz, dass es einer Zeitverschwendung gleich käme, sich länger als ein paar Sekunden mit einer einzelnen Information aufzuhalten. Wir müssen jagen, so lange es Beute gibt – zerlegen, essen und verdauen können wir sie später.

1997 fanden Analysten der Nielsen Norman Group in einer Studie heraus, dass wir Texte auf Webseiten nicht lesen, sondern überfliegen. Nur 16 Prozent von uns lesen Online-Texte Wort für Wort.

2006 untersuchten die Analysten erneut unser Online-Leseverhalten mittels Eye-Tracking. Dabei zeigte sich, dass wir Online-Texte so scannen, dass sich ein F-Muster ergibt. Das bedeutet, dass wir die ersten Zeilen komplett lesen, dann am linken Rand nach unten driften, im mittleren Textbereich nochmal kurz einsteigen und den Rest dann wieder am Rand überfliegen.

2008 behaupteten die Nielsen Norman-Leute, dass wir in der Zeit, die wir einem einzelnen Online-Text schenken, nur 28 Prozent des Textes überhaupt lesen können.

Die Firma Chartbeat, die Analysetools entwickelt, prüfte 2013, wie sich die Leser des Magazins Slate auf dessen Seiten verhalten. Ein Slate-Autor beschrieb die Ergebnisse anhand eines Zahlen-Beispiels: Von 161 Lesern eines Textes steigen 61 sofort aus, nachdem sie die Seite aufgerufen haben. Weitere fünf Leser weigern sich, zu scrollen.

Nach der Hälfte des Textes sind noch 50 Leser übrig. Es werden von Zeile zu Zeile weniger.

Viele Blogger und Leser bestätigen die Tendenz. Sie berichten, dass sie sogar offline keine längeren Texte – auch Bücher – mehr lesen können:

The very honest truth, for better or worse, is that I’ve become immune to words. And social media is largely to blame. I have drowned in the poetry of opinions and now they no longer affect me much. My eyes glaze over when I see a brilliant editorial piece. I scan past it, throw it on the appropriate pile.
http://bohemianbowmans.com/dont-read-anymore/

I don’t have the patience to read these days. I start a book, get restless, put it down, start another one. [..] Am I just going through some weird stage or has the fact that I live on the computer stripped me of my attention span and my ability to remain focused on anything longer than 140 characters?
http://midlifeattheoasis.com/books/cant-seem-read-anymore/

I can’t read War and Peace  anymore. I’ve lost the ability to do that. Even a blog post of more than three or four paragraphs is too much to absorb. I skim it.
http://www.theatlantic.com/magazine/archive/2008/07/is-google-making-us-stupid/306868/

Larry Rosen von der California State University-Dominguez Hill bat 263 Schüler, 15 Minuten in ihrer normalen Lernumgebung eine Hausaufgabe zu bearbeiten. Bereits nach zwei Minuten ließen sich viele ablenken: Sie schrieben Kurznachrichten oder nutzten soziale Medien. Durchschnittlich widmeten sie nur 65 Prozent der Zeit ihren Aufgaben – das sind etwa 10 von 15 Minuten.

Es hilft nichts: Auch die alten journalistischen Regeln, einen Text mit einem szenischen Einstieg zu starten und Spannung aufzubauen, funktionieren nicht mehr. Online-Leser sind es gewohnt, Informationsschnipsel aus verschiedenen Quellen im Gehirn zu einer Collage zusammen zu fügen. Längere Texte passen nicht in das Konzept.

Ich sehe zwei mögliche Entwicklungen: Entweder gewöhnen wir uns an die Ablenkungen im Internet so sehr, dass wir den Impuls, immer das Neuste sofort abrufen zu müssen, ignorieren können. Oder wir trennen bewusst Internet und Lesen. Ich schalte zum Beispiel mein Smartphone ab, wenn ich ein Buch, den E-Book-Reader oder eine Zeitschrift in die Hand nehme. Auf meinem E-Book-Reader schalte ich den Flugmodus ein.

Longform-Journalismus wird kurzfristig gut funktionieren, solange die Mehrheit noch an ihrem alten Leseverhalten festhält. Er kann den Online-Journalismus aufwerten. Ich glaube aber, dass sich die Vertreter des Longform-Journalismus später an ein Nischenpublikum gewöhnen müssen – ein Publikum, das sein Gehirn durch regelmäßige, lange Lesephasen trainiert, bewusst oder unbewusst. Dieses Publikum dürfte sich auf alle Altersgruppen verteilen.

Um die große Masse zu erreichen, braucht der Online-Journalismus dann eine andere Lösung, die es noch nicht gibt. Und wie das mit Ideen so ist: Sie kommen nicht, in dem wir sie herbei reden – sie kommen irgendwann von alleine.

Bücher über das Lesen:

  • „Das lesende Gehirn: Wie der Mensch zum Lesen kam – und was es in unseren Köpfen bewirkt“ von Maryanne Wolf
  • „Ex Libris: Bekenntnisse einer Bibliomanin“ von Anne Fadiman
  • „So Many Books, So Little Time: A Year of Passionate Reading“ von Sara Nelson
  • „The Pleasures of Reading in an Age of Distraction“ von Alan Jacobs
  • „Wer bin ich, wenn ich online bin…: und was macht mein Gehirn solange?“ von Nicholas Carr
  • „What We See When We Read“ von Peter Mendelsund