hitchBOT

Es dauerte gerade mal zwei Minuten. So lange musste hitchBOT am Straßenrand nahe der kanadischen Stadt Halifax ausharren.

Er saß auf einem Tripod, seine schlumpfblauen Beine steckten in gelben Gummistiefeln, auf denen ein Muster aus kleinen Fahrzeuge aufgedruckt war. Seine Hände waren in gelben Küchenhandschuhen versteckt. Eine Hand war ausgestreckt und formte eine eindeutige Geste: Nimm mich mit! Einer, der dem Aufruf folgte, war der belgische Tourist Seb Leeson, der mit seiner Frau durch Kanada reiste. Er lud den Roboter in seinen Campingwagen auf den Beifahrersitz. Seine Frau Kim wich auf den Rücksitz aus. Der 32-Jährige erklärte: „Wir reisten als Nicht-Kanadier durch das Land, genau wie der Roboter. Wir spürten eine Art bizarre Verwandtschaft.“

hitchBOT mit David Harris Smith (McMaster University) und Frauke Zeller (Ryerson University) in Halifax, Nova Scotia, Juli 2014. Foto: Norbert Guthier
hitchBOT mit David Harris Smith (McMaster University) und Frauke Zeller (Ryerson University) in Halifax, Nova Scotia, Juli 2014. Foto: Norbert Guthier

hitchBOT wurde von den Kommunikationsforschern David Harris Smith von der McMaster Universität in Hamilton und Frauke Zeller von der Ryerson University in Toronto entwickelt. Für sie war hitchBOTs Reise eine Möglichkeit, die Beziehungen zwischen Robotern und Menschen näher zu untersuchen. Da populäre Film-Roboter wie Terminator in uns eher eine Gänsehaut auslösen, wollten die Forscher mit hitchBOT der Menschheit demonstrieren, dass nicht alle Roboter furchterregend sein werden. „Normalerweise fragen wir uns ja, ob wir Robotern über den Weg trauen können“, sagt Zeller. „Wir drehten die Frage um: Können Roboter eigentlich uns über den Weg trauen?“

Dabei setzten die Forscher auch auf Humor. Zeller und Smith hatten zuvor schon einen Roboter entwickelt, der in einem Museum Bilder betrachtet und dabei hochtrabende Zitate aus einem kunstkritischen Standardwerk aufsagte. hitchBOT wurde von Beginn an so gebaut, dass er freundlich, süß und humorvoll bei den Menschen ankommt. Er ist etwas höher als ein Meter und wiegt knapp sieben Kilogramm. Sein Gesicht besteht aus einem LED-Bildschirm. Es ist von einer Plastikbox umgeben, die an eine Kuchendose erinnert. Sein Körper besteht aus einem Fass, dass man eigentlich verwendet, um Bierflaschen zu kühlen. Auf dem Kopf befindet sich als Hut ein Mülltonnen-Deckel. hitchBOT spricht mit einer weibliche Stimme, ist aber geschlechtsneutral, wie seine Erfinder betonen.

Die Forscher setzten hitchBOT am 27. Juli 2014 in Halifax aus. Sie konnten seine Reise lediglich per GPS-Technik verfolgen – aber nicht eingreifen sollte etwas passieren. Er sollte 6.000 Kilometer hinter sich bringen – von Halifax nach Victoria. Vorab kommunizierten die Forscher über die Webseite und über einige Medien, die die Geschichte dankbar aufgriffen, die Persönlichkeit des Roboters. „Wir machten der Öffentlichkeit zum Beispiel klar, dass hitchBOT die Sprache der Menschen gerade erst lernt – dass man also Verständnis haben sollte, wenn er einen nicht immer versteht.“ hitchBOT war mit Spracherkennungssoftware ausgestattet und konnte Smalltalk führen.

Forschungen haben ergeben, dass Menschen sich sehr viel Mühe geben, Maschinen zu vermenschlichen, wenn sie sich mit ihnen unterhalten. Sie wollen das Menschliche in Maschinen wiedererkennen und passen sich automatisch dem Sprachniveau der Maschinen an. Sherry Turkle, Soziologin am Massachusetts Institute of Technology (MIT), hat zum Beispiel untersucht, wie Menschen mit Robotern umgehen, die als Assistenten im Haushalt eingesetzt werden sollen. Ihre Beobachtungen war erstaunlich: Bei Verständigungsschwierigkeiten warfen die Leute dem Roboter Interessenlosigkeit vor, statt Programmiermängel zu monieren.

hitchBOT sagte den Autofahrern, wo er hin möchte und beantwortete einfache Fragen. Er beeindruckte seine Mitreisenden zudem mit seinem Wissen über Kanada – er erzählte etwas über die Geschichte der Provinz Saskatchewan oder schwadronierte über die Zweisprachigkeit bei kanadischen Jugendlichen. Die Forscher wollten aus Datenschutzgründen nicht aufzeichnen, was die Leute hitchBOT fragten, aber sie konnten aus ihren Daten herauslesen, was der Roboter sagte.

hitchBOT wurde von mindestens 18 verschiedenen Fahrern mitgenommen. Der Roboter war dabei vollständig hilflos. „Roboter werden heutzutage entwickelt, damit sie uns helfen“, sagt Frauke Zeller. „Ingenieure weisen ihnen bestimmte Aufgaben zu – und schauen, wie Menschen mit den Maschinen zu recht kommen. Wir wollten herausfinden, was Menschen mit Robotern anfangen, wenn man ihnen nichts vorgibt – und ob Menschen von sich aus hilfsbereit sind, selbst wenn die Roboter keinen bestimmte Zweck erfüllen.“

hitchBOT im Auto. Foto: Norbert Guthier (www.guthier.com)
hitchBOT im Auto. Foto: Norbert Guthier (www.guthier.com)

Der Roboter musste zum Beispiel alle sechs Stunden aufgeladen werden. Die Fahrer steckten tatsächlich sein Kabel in die Zigaretten-Anzünder oder Steckdosen ihrer Fahrzeuge. Sie gaben sich aber auch sonst Mühe, dem Roboter einiges zu bieten. Er nahm zum Beispiel an einem Powwow Teil, einem rituellen Treffen nordamerikanischer Indianer, bei dem getanzt und gesungen wir. Ein Autofahrer nahm ihn über Nacht mit nach Hause und setzte ihn auf eine Veranda, von wo aus hitchBOT den Sonnenuntergang über einer Panorama-Landschaft genießen konnte. Die 30-Jährige Anwältin Julie Branch aus Calgary entdeckte hitchBOT auf einem Stuhl am Empfang ihrer eigenen Hochzeit – einige Gäste hatten ihn unterwegs aufgegabelt und mitgebracht. „Sie liebten den Roboter. Sie machten ständig Fotos und tanzten mit ihm. Es war irrwitzig“, sagt Branch. Überrascht war sie nicht. Kanadier hätten einen großartigen Humor.

Zeller machte sich vor dem Projekt ernsthafte Sorgen, dass hitchBOT etwas passieren konnte – dass er zum Beispiel entführt wird. Doch die Menschen gingen sehr behutsam mit ihm um. Viele Fahrer bemühten sich, eine Anschlussfahrt für hitchBOT zu organisieren. Als der Roboter einmal in einem Gespräch erwähnte, dass er Hunde mag, kaufte ihm ein Fahrer einen Plüschhund. Als hitchBOT schließlich in Victoria ankam, war lediglich sein mechanischer Arm nicht mehr vollständig funktionstüchtig und sein Plastikkopf hatte einen Riss, ansonsten war er in gutem Zustand. Viele Menschen hatten handgeschriebene Grüße auf seinem Körper hinterlassen.

hitchBOT schoss alle 30 Minuten ein Foto und postete es mit Kommentar auf seinen Social Media-Seiten. Er hatte auf Twitter, Facebook und Instagram insgesamt knapp 90,000 Follower. Die Fotos wurden freilich vor Veröffentlichung geprüft. „Nicht dass wir hitchBOT nicht trauten,“ sagte Zeller. „Aber hitchBOT ist ehrlich gesagt nicht der beste Fotograf“. Er machte reichlich Bilder von Autorücksitzen und von den Beinen seiner Mitfahrer. Außerdem musste gewährleistet sein, dass die Fotografierten vor Veröffentlichung der Bilder einwilligten. „Wir nahmen Datenschutz sehr ernst und die Leute honorierten dies.“

Am Ende waren alle Beteiligten vom Experiment begeistert. „Die Menschen in Kanada waren sogar ein wenig stolz“, sagt David Harris Smith. „Die Leute sagten: So sind wir. Wir können einen Roboter von einem Fremden zu einem Fremden weiterreichen, so dass er durch das ganze Land kommt.“ Es habe durchaus im Internet Diskussionen gegeben, ob die Reise in anderen Ländern geglückt wäre. hitchBOT hat somit seinen künftigen Kollegen einen Bärendienst erwiesen: Wenn sie in ihrer Heimat nicht zurecht kommen, werden Roboter wohl Kanada als Auswanderungsziel Nummer eins anvisieren.