Robotergesetze

Telepräsenz-Roboter

Es ist Nacht. Es ist dunkel. Es ist gruselig. Ich höre einen Motor, sehe seltsame Augen, die mich tiefgründig anstarren. Meine erste Fahrt mit einem Telepräsenz-Roboter hatte etwas surreales.

Es war der 19. November 2012 und ich war mit Bill Murivihill, Mitarbeiter von Anybots, zu einer Testfahrt mit dem Telepräsenz-Roboter QB verabredet – ich in Bonn, er in Kalifornien. Ich hatte nachmittags bereits die Logindaten für die Steuerung vorliegen und mich testweise eingeloggt. In Kalifornien, der Heimat von Anybots, war es noch Nacht. Yeah, ich kann Kalifornien bei Nacht erkunden, dachte ich spontan. Dummerweise war mein maschineller Doppelgänger im dortigen Firmengebäude eingeschlossen.

Ich probierte trotzdem im Dunkeln die Steuerung aus und rammte alles, was mir im Weg rumstand. Ich malte mir aus, dass die Anbyots-Angestellten später ins Büro kommen und alles verwüstet vorfinden würden: umgedrehte Schreibtische, Fensterscherben überall verstreut und die anderen Roboter tot mit ausgestreckten Beinen auf dem Boden liegend. Aber wie ich erfahren sollte, war ich in der Nacht nur auf einem kundensicheren Testgelände unterwegs.

Nun wollte ich das natürlich auch bei Licht ausprobieren. Der Spannung halber berichte ich von meiner zweiten Fahrt im Präsens. Was wirklich Mist ist an der Telepräsenz ist der Zeitunterschied. Ich habe einen Termin um 15 Uhr kalifornische Zeit. Bei mir ist es nun Mitternacht. Ich habe noch immer vom nachmittag Webcam und Headset eingestöpselt und sitze gegen 23:45 vor dem Rechner. Zunächst rufe ich mit Firefox die Anybots-Webseite auf und warte, bis mein Roboter in Kalifornien ebenfalls online geht. Tut er aber nicht. Kaum zu glauben: Der Doppelgänger liegt faul auf der Couch rum und macht Kaffeepause oder so was.

Roboter arbeiten rund um die Uhr? Schwachsinn!

Mein Telepräsenzroboter QB ist dann aber doch nach ein paar Minuten online. Ich sehe ein Bild von irgendeinem Anybots-Raum in Thumbnail-Größe. Ich klicke drauf und bin endlich wieder live in Kalifornien. Ein schönes Gefühl – diesmal ist alles beleuchtet. Ich drücke auf meinem Keyboard den Pfeil nach oben und auf einmal dreht der Motor laut auf – herrje, habe ich einen Düsenjet gestartet? Nein, QB setzt sich in Bewegung, recht schnell für meine ungeübten Finger. Aber dank meiner Computerspielerfahrung kriege ich den Telepräsenz-Roboter relativ schnell unter Kontrolle.

Wo ist eigentlich Bill?

Während ich auf ihn warte, schaue ich mich um. So sieht also die Teststrecke im Hellenaus. Sie erinnert mich daran, wie ich mal als Schüler mit einem Fahrrad in einem Verkehrserziehungscamp oder wie das hieß um Hindernisse gekurvt bin. So ähnlich ist das mit der Telepräsenz-Teststrecke. Es gibt einen Slalom-Parcours und fettgedruckte Hinweisschilder. Ich warte aber erst mal ab – und da kommt Bill. Bill packt mich am Hals, um mich bzw. meinen Roboter auf Augenhöhe zu ziehen. Ich spüre einen leichten Druck in der Gegend der Kehle.

So soll es sein: die Technik vergessen und sich im fremden Körper einfühlen.

Bill spricht mit mir. Ich kann ihn hören und antworte. Er hört mich nicht. Ich ruckle an meinem Mikrofon, mache wilde Zeichensprache, aber sehen kann er mich auch nicht. Ich winke noch wilder, dann geht Bill weg und lässt mich einfach alleine stehen. Telepräsenzrobotik ist eine melancholische Sache. Ich spiele mit den Einstellungen auf der Anybot-Webseite herum – mein Rechner hängt sich jetzt komplett auf.

Ich boote und habe ein Mail von Bill im Postfach. Ich melde mich über Skype. Dort funktionieren Kopfhörer und Webcam. Ich schalte wieder auf den Roboter um – dasselbe Problem. Ich schalte die Webcam ab und plötzlich kann Bill mich hören. Naja, ich kann ihn sehen und hören, er kann mich hören, aber nicht sehen. Nicht perfekt, aber es kann weiter gehen.

Bill fühlt sich, glaube ich, unwohl. Vor allem wenn er etwas erklärt und ich nicht sofort reagiere, starrt er nervös auf den Roboter bzw. auf mich. Es ist keine Absicht von mir: Mein Schweigen liegt daran, dass ich ständig vergesse, die Leertaste zu drücken, wenn ich etwas sagen will – das muss man nämlich tun. Eine unnötige Hürde, wie ich finde. Was ich ebenfalls vermisse, ist ein integriertes Chatmodul, um bei Kamera- und Mikrofonproblemen nicht abgeschnitten zu sein.

Ich kann nicht abschätzen, wie groß die Strecke vor Ort ist, die ich beim Test zurücklege. Auf meinem Bildschirm sehe ich in einem großen Fenster die Augenperspektive des Telepräsenz-Roboters, in einem kleinem Bild-im-Bild die Schwarzweiß-Übertragung einer Bodenkamera. Sie zeigt meine Füße. Das soll helfen, Hindernisse zu umfahren, wie Bill mir erklärt. QB hat allerdings auch einen LIDAR-Laser, der Abstände zu Hindernissen misst. Das will ich genauer wissen: Ich fahre flott wie ein Berserker auf eine Wand zu und werde pötzlich langsam. QB bremst nicht komplett ab. Er fährt sozusagen schonend gegen die Wand. Bill erklärt, dass sei Absicht, so könne man Hindernisse weg schieben oder Türen öffnen, sofern sie nur angelehnt sind.

Bill geht ein paar Schritte von mir weg und winkt. Ich soll zu ihm fahren. Ich versuche es. Als ich nicht weiterkomme, schaue ich auf die Bodenkamera. Aha, ich bin im Slalom-Parcours. Da sind Hindernisse installiert und ich soll sie umkurven.  Slalom fahren ist anstrengend, aber ich schaffe es.

Ich kann mit meiner Maus einen grünen Laserpointer steuern, mit dem ich testweise auf Bills Hemdknöpfe zielen soll. Er sagt, das sei lustig. Ich bin nicht ganz überzeugt. Lustig wäre es, wenn ich ihm damit die Knöpfe absäbeln könnte oder so etwas.

Bill führt mich zu einem Spiegel – ich kann mich zum ersten Mal sehen. Wahrscheinlich soll ich mich erschrecken oder entzückt sein, aber da ich viele Fotos und Videos von QB gesehen habe, bleibe ich recht gelassen. Niedlich seh‘ ich aber schon aus.

Bill zeigt mir zum Schluss die Docking-Station, in der ich meinen Roboter aufladen kann. „Das ist jetzt wie ein kleines Spiel“, warnt Bill. Er meint das als Euphemismus für „Einparken“. Ich muss mich mit Hilfe der Bodenkamera exakt vor der Station positionieren und dann rückwärts fahren. Nach einigem hin und her klappt es. Aber Bill runzelt die Stirn. Die Batterie lädt nicht. Ich habe es fertig gebracht, beim Einparken den Netzstecker aus der Steckdose zu ziehen.

Telepräsenzroboter sollen irgendwann einmal an entlegenen Orten zum Einsatz kommen, damit Ingenieure zum Beispiel nicht zu einer 1,000 Kilometer entfernten Ölpipline fliegen müssen, um dort kleinere Reparturen durchzuführen. Ich stelle mir gerade vor, wie ein Ingenieur ein Leck ansteuert, sich riesig freut, nicht in der Kälte Alaskas sein zu müssen. Kurz bevor er das Leck erreicht, legt sich der Roboter auf die Nase und steht nicht mehr auf.

Gut, dass ich nicht alleine in Kalifornien bin.

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