Robotergesetze

Open Source Ecology

Es kracht und kreischt. Die wuchtige Säge hat sich in Bewegung gesetzt und nähert sich einem dicken Baumstamm. Holzsplitter fliegen, der Stamm teilt sich. Vor der Säge steht stolz ein junger Mann mit weißem Bauarbeiterhelm, einer Schutzbrille und einem verdreckten, grauen Arbeitsanzug. Er nimmt die Brille ab, fingert wie ein Intellektueller daran herum und erklärt in die anwesende Kamera, dass eine Sägemaschine wie diese die Massenabholzung von tropischen Regenwäldern hintertreiben werde. Menschen können diese Säge überall auf der Welt aus Recyclingmaterial nachbauen. Die Anleitung gibt es gratis im Internet. So möge jede Gemeinschaft ihr eigenes Bauholz sägen – aus Wäldern der Region, versteht sich, und nur so viel wie nötig.

Der smarte Redner in diesem Internet-Video heißt Marcin Jakubowski, in den USA ein Star der Open Hardware-Szene. Er geht aber weit über Open Hardware hinaus: Er will gleich ein ganzes alternatives Wirtschaftssystem aufbauen, das jeder nachahmen soll. Jakubowskis Feind ist die Massenproduktion. Menschen sollen regional nur herstellen, was sie für ein nachhaltiges Dasein brauchen. Sein Projekt Open Source Ecology ist eine Mischung aus Öko-Gemeinschaft, Produktionshalle und Landwirtschaft – und findet bereits prominente Unterstützung, etwa durch Ex-Wired-Chef Chris Anderson.

Marcin Jakubowski kam in Polen zur Welt. Sein Großvater war im polnischen Widerstand gegen die Nazis aktiv und sabotierte deren Eisenbahnen. Die Großmutter überlebte ein Konzentrationslager. In seiner Kindheit musste Jakubowski während des Kriegsrechts in Polen Anfang der 1980er Jahre mit seinen Eltern für Butter und Fleisch in langen Schlangen anstehen. Die Erfahrungen seiner Familie haben ihn dazu motiviert, für Menschen ein Umfeld zu schaffen, in der es nie wieder  Unsicherheit und Mangel gibt: „Es ist absurd, dass viele Menschen in Armut leben müssen, obwohl sie von reichhaltigen Ressourcen umgeben sind, sei es Sonnenlicht, Gestein, Pflanzen, Erde, Wasser – alles was man für eine funktionierte Wirtschaft bräuchte“, erklärt Jakubowski.

Seine Familie zog mit ihm noch in den 1980ern in die USA. Er genoss eine gute Ausbildung, studierte in Princeton und promovierte an der Universität Wisconsin in Physik. Allerdings war er frustriert, dass an der Universität weltliche Probleme kein Thema waren – er fühlte sich mit seinem Abschluss nutzlos. So wandte er sich der ökologischen Landwirtschaft zu. Er kaufte einen Traktor, der kurz darauf kaputt ging. Er bezahlte die Reparatur, und der Traktor ging wieder kaputt. Marcin stellte fest, dass es die kostengünstigen Werkzeuge, die er für eine nachhaltige Landwirtschaft bräuchte, überhaupt nicht gibt. Werkzeuge sollten robust, flexibel, effizient und aus regionalem, recyceltem Material sein. Da beschloss der Physiker, sie selbst zu bauen. Er publizierte die ersten Pläne sowie eine Material- und Kostenaufstellung im Internet und suchte Mitstreiter, vor allem Landwirte, Ingenieure und Handwerker. Die Gruppe entwickelte ein Global Village Construction Set: 50 Maschinen für eine autarke Zivilisation, die im ländlichen USA ebenso funktionieren soll wie im fernen Afrika. Die Open Source Ecology war geboren.

Das Testgelände „Factor e Farm“ befindet sich in Missouri, etwa eine einstündige Autofahrt nördlich von Kansas City nahe der Kleinstadt Maysville, am nördlichen Ausläufer des erzkonservativen amerikanischen „Bibelgürtels“ (s. Google Maps). Jakubowski erwarb etwa zwölf Hektar Land, das er mit etwa einem Dutzend Leuten betreibt. Eine Backsteinpresse gehört zur Grundausstattung. Des weiteren umfasst das „Construction Set“ unter anderem Traktor, Ofen, Häcksler, Melker, Brunnenbohrer, Löffelbagger, Heupresse, Blechwalze und sogar einen Industrieroboter für Schweiß- und Fräsarbeiten. 13 solcher Maschinen existieren als Prototypen, sechs weitere sind in Entwicklung, der Rest soll in den kommenden Jahren folgen.

Der Maschinenpark ist durchdacht. Er soll eine komplette Wertschöpfungskette abdecken. Maschinen wie 3D-Drucker, CNC-Fräser, Laser-Schneider, Industrie-Roboter oder Blechwalze produzieren das Rohmaterial für Gebäude, Fahrzeuge, Kabel, Rohre, Leitungen und Werkzeuge. Die Landwirte bearbeiten mit selbstgebautem Traktor, Mähdrescher oder Pflug die Felder, betreiben außerdem Obst- und Gemüsegärten und züchten Kühe, Schafe, Ziegen, Fische und Hühner. Die Energie kommt aus Wind- und Solaranlagen, Energiepflanzen oder Ölabfällen. Metall sammelt die Gemeinschaft auf Schrottplätzen. Später will sie aus Tonerde Aluminium gewinnen – auch dafür gibt es eine Maschine. „Ich freue mich schon auf meinen ersten Burrito – aus Getreide und Bohnen von unserem Acker, Mehl aus unserer Mühle, Käse aus unserer Käserei und Gewürzen aus dem Garten“, schwärmt Jakubowski.

Das Projekt soll um die Welt gehen. In Deutschland bemüht sich Nikolay Georgiev, die Idee zu verwirklichen, auch wenn er gelegentlich in seinem Blog darüber klagt, dass er zu wenig Mitstreiter findet: http://opensourceecology.de. Derzeit wirbt er um Spendengelder für einen Open Source Bodenfuttertopf und eine Frischsaft-Handpresse.

Jakubowski möchte bis Ende 2015 alle 50 Maschinen fertig stellen und dann weitere zum Verkauf anbieten, um seine hochtrabenden Pläne zu finanzieren. Von 2016 bis 2021 will er 144 Gründer in Missouri ausbilden, die vergleichbare Gemeinschaften weltweit aufbauen und dort wiederum neue Gründer einführen. 2028 gäbe es durch diesen Schnellballeffekt rund 3.000 Gemeinschaften. Als Vorbild für die Expansion nennen die Open Source Ecology-Initiatoren die Fast-Food-Kette McDonalds. Die hat es in ihren ersten zwanzig Jahren immerhin auf 5.000 Filialen gebracht.

Ob unsere Gesellschaft allerdings „Do It Yourself“ dem Verzehr standardisierter Buletten vorzieht, weiß ich nicht. Außerdem ist mir auch nicht richtig klar, wie die Gesundheitsversorgung funktioniert. Die Freiheit, die Jakubowski verspricht, ist zudem an das Regelwerk der Open Source Ecology gebunden, denen sich Menschen unterwerfen müssen, wenn sie auf der Farm leben wollen – teilweise um die Haftung beim Umgang mit selbstgebauten Maschinen zu klären. Obwohl ich die Idee und das Konzept prinzipiell sympathisch finde, befürchte ich, dass lediglich einige Zwänge durch andere ersetzt werden.

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